Let’s Play: Vom Computerspiel zurück zum Film

Seit einiger Zeit gibt es im Internet Videos von Computerspielern, die sich selbst dabei filmen, wie sie die neuesten Computer- und Videospiele spielen. Der Trend hat auch deutschsprachige Spieler erreicht: „Let’s Play“ ist der Suchbegriff für diese Inhalte. Die Stars der deutschen Szene sind Gronkh und Sarazar, zwei junge Männer, die Sportjournalisten gleich ihre Spielerlebnisse kommentieren. Bis zu 3,3 Millionen Fans haben sich angemeldet, um über die neuesten Videos von Gronkh auf dem laufenden zu bleiben. Damit werden  Einschaltquoten erreicht, die den Vergleich zu durchschnittlichen Fernsehsendungen nicht zu scheuen brauchen. Und wie beim Fernsehen verdienen auch die „Youtuber“ Geld mit Werbung. Offenbar genug, dass es zum Leben reicht, wie sie im Interview bei Stefan Raab berichten.

Früher mussten sich Interessenten für ein Computerspiel die Demoversion herunterladen. Dank der „Let’s Play“ Filme ist das nicht mehr nötig.

Aber es gibt noch einen anderen Effekt: Spiele, die eine Geschichte mit cineastischen Stilmitteln erzählen, werden durch die Spieler zurückübersetzt zu Filmen. Das Ergebnis ist so, als würde man einen Spielfilm anschauen bei dem ein Freund andauernd in die Pausen reinquasselt. Je besser seine Kommentare, umso unterhaltsamer das Ganze.

Sarazar spielt Alien Isolation: Bei so viel Horror ist die Spannung kaum auszuhalten, weder für den Spieler noch den Zuschauer.

Um es moderner auszudrücken: Wem es zu blöd ist, die Arbeit des Spielheldens selbst zu erledigen, kann das dank „Let’s Play“ outsourcen. Das virtuelle Abenteuer virtualisiert. Virtueller wird es nur noch, wenn man einen Artikel darüber liest, wie jemand Videos geschaut hat von jemandem der ein Computerspiel gespielt hat…

Banksy, Barbara und die Lust am Subversiven

Banksy? Über den englischen Künstler Banksy ist schon viel geschrieben worden. Bekannt geworden ist er über seine Graffiti, die er oft mit Schablonen macht. Dabei verändert er bekannte Motive und zeigt seine Sichtweise auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Da viele Kunstwerke illegal angebracht wurden, versucht er, seine Identität geheim zu halten. Die ersten Bilder tauchten 1993 in Bristol auf. Danach folgte London, und seitdem finden sich auch in den USA und vielen anderen Ländern seine Werke, die meistens nicht unterzeichnet sind.

banksy1banksy2In E-Mail-Interviews lässt Banksy immer wieder Kritik an der Kunstszene durchblicken: „Ich glaube, dass die Kunst derzeit nichts für Zuschauer ist. Ich weiss nicht, wieso die Kunstwelt damit durchkommt. Das wäre so, wie wenn ein DJ im Radio ein wirres Durcheinander von Klängen spielen würde und die Zuhörer auffordert, die zugehörige Doktorarbeit durchzulesen, um die Musik etwas besser zu verstehen.“banksy3banksy4

barbara1Barbara? Verständliche Kunst gibt es auch bei Barbara. Sie kommentiert Schilder, die sie im Straßenraum findet. Auch sie hält ihre Identität geheim. Allerdings weniger aus Angst, eine Anzeige zu bekommen als vielmehr um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf ihre Person zu lenken. Trotzdem unterschreibt sie -anders als Banksy- fast immer mit ihrem (Künstler-)Namen.

Im Interview verrät sie, dass ihre Werke kaum Bestand haben, und dass manchmal nur wenige Stunden bleiben, bis alle Spuren wieder beseitigt sind. Daher wäre sie eines Tages darauf gekommen, Fotos zu machen und diese auf Facebook zu veröffentlichen. Erst seit dieser Zeit ist ihre Kunst einem breiteren Publikum zugänglich.

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Und die Zuschauer? Satire hat Hochkonjunktur. Dass sich die Künstler etwas trauen, indem sie den öffentlichen Raum ungefragt für die Kunst nutzen, bringt ihnen Bewunderung ein und unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Botschaften. Und schliesslich trägt der Verbreitungsweg Internet enorm dazu bei, die Kunst bekannt zu machen: Es muss keine Galerie aufgesucht werden, es gibt keine Exklusivität. Diese Kunst passt ideal in diese Zeit.


Quellen: Banksy, Wikipedia, The New Yorker
Barbaras Facebook-Seite, Rhein-Neckar-Zeitung

„Gone Home“ durchgespielt

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Der Titelbildschirm.

Was ist das? Gone Home ist ein 3D Abenteuer Spiel aus der Ich-Perspektive. Es wurde von einem kleinen Entwicklerstudio, the Fulbright Company, bereits 2013 veröffentlicht.

Worum geht es? Es ist 1995. Kaitlin Greenbriar ist gerade von einer einjährigen Europareise in das Haus der Eltern zurückkehrt. Die Greenbriars sind gerade umgezogen, in ein altes, etwas unheimliches Haus. Kaitlin steht vor der Tür, doch niemand macht auf. Weder Kaitlins jüngere Schwester Samantha noch die Eltern sind zu Hause. Zum Glück findet sich ein Schlüssel. Als Spieler schlüpft man in die Rolle von Kaitlin und sucht im Haus nach den Gründen, weshalb alle ausgeflogen sind. Nach und nach betritt man die verschiedenen Zimmer, liest herumliegende Zettel, Briefe und Dokumente und erschließt sich so nach und nach, was im letzten Jahr passiert ist. Es gibt Musikkassetten, die man sich anhören kann. Lichter können ein- und ausgeschaltet werden, die Wasserhähne kann man auf- und zudrehen.

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Von den vielen Gegenständen im Bild kann leider nur einer untersucht werden.

Also? Die Idee, dass man ein ganzes Haus nach Herzenslust durchstöbern kann, klingt zunächst einmal neu und interessant. Leider sind viele Schränke leer und an Stellen, an denen viele Zettel liegen, ist nur einer zum lesen vorgesehen. (Es würde der Geschichte auch nicht helfen, wenn sich der Spieler bei Tankquittungen oder Werbezetteln verzetteln würde.) Das schmälert jedoch die Illusion, ein richtiges Haus zu durchsuchen.

Jedem, der sich auch nur entfernt für Grundrisse interessiert, fällt sofort auf, dass das Arbor Hill Haus völlig unsinnig gebaut ist: Überflüssige, lange Flure und ein Obergeschoss, dass in der Luft hängt.

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Das Erdgeschoss: So bauen nur Leute, die lange Flure mögen.

Bleibt die Handlung der Geschichte, die eigentliche Stärke des Spiels. Immer, wenn man eine Notiz der Schwester liest, bekommt man ein kurzes Erzählstück von Samantha zu hören.

Samantha lernt in der Schule ein anderes Mädchen, Lonnie, kennen. Die beiden verlieben sich ineinander. Lonnie hat sich jedoch zum Ziel gesetzt, zur Armee zu gehen, was das Ende der Beziehung bedeuten würde. Samanthas Eltern halten die Homosexualität ihrer Tochter nur für eine Phase. Am Ende gibt es jedoch ein Happy End. Die gesamte Handlung kann man übrigens derzeit im Wikipediaartikel von „Gone Home“ nachlesen.

Das Spiel lebt auch durch die verschiedenen kleinen Geschichten, die über die Dokumente, Tonaufnahmen usw. wunderbar erzählt werden.

Trotz den genannten negativen Punkte ist „Gone Home“ ein durchaus interessantes Experiment. Sowohl die Handlung als auch die Art und Weise, dass fast alleine über herumliegende Gegenstände eine Geschichte erzählt werden kann, sind gelungen.


Quellen: Wikipedia, The Fulbright Company

Gewerkschaftskampf in England in den 80er Jahren

Bisher geheime Papiere des englischen Kabinetts von 1984 belegen, dass es einen Angriffsplan der englischen Regierung auf die Minengewerkschaften gegeben hat.

In Großbritannien werden Unterlagen nach 30 Jahren deklassifiziert, d.h. die Geheimhaltung wird aufgehoben und die Unterlagen veröffentlicht. Anfang des Jahres berichtete die BBC, dass einige Papiere belegen, dass es einen Masterplan gab, um die Gewerkschaften zu entmachten und dass der damalige Gewerkschaftsführer Arthur Scargill durchaus Recht hatte, eine Verschwörung zu wittern.

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Protest der National Union of Mineworkers

Was war zuvor passiert? Zur Energiegewinnung wurde in Großbritannien Kohle benutzt. Der Abbau wurde seit 1947 staatlich subventioniert. Das  National Coal Board hatte die Aufsicht über die Kohleindustrie. Da aber Kohle billiger importiert werden konnte, stellten die Subventionen einen großen Kostenfaktor dar. Viele Politiker wollten daher die Kohlesubventionen kürzen oder ganz streichen. Zechen sollten geschlossen werden. Die Gewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM) rief 1974 zur Abstimmung auf und 81% stimmten einem Streik zu, der vermutlich die Energieversorgung von Großbritannien schwer getroffen hätte. (Bereits zuvor gab es 3-Tage-Wochen für die Industrie, um Energie zu sparen.) Bevor es zum Streik kommen sollte, entschloss sich die konservative Regierung unter Führung von Edward Heath zum Befreiungsschlag und kündigte vorgezogenen Neuwahlen an. Seine Partei, die Tories, wurden abgewählt.

Die Gewerkschaften, allen voran die NUM, hatten gezeigt, wie mächtig sie waren. Das prägte sich tief ins Gedächtnis der Politiker ein.

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Margaret Thatcher, 1984

Was war 1984? Im Jahr 1979 wurde Margaret Thatcher Premierministerin. Bereits 1981 kam es beinahe zum Streik, als 23 Zechen geschlossen werden sollten. Die Regierung sah von den Plänen ab, da die Kohlevorräte so gering waren, dass ein Engpass in der Energieversorgung zu befürchten war.

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Ian MacGregor im BBC Interview

1983 ernannte Thatcher Ian MacGregor zum Vorsitzenden des National Coal Boards. Wie die neu veröffentlichten Papiere belegen, sollte MacGregor die Macht der Gewerkschaften brechen. Der Schlachtplan dafür sah so aus:

  • Es wurden große Kohlevorräte angelegt, um im Falle eines Streiks weiterhin genug Energie zu haben.
  • Um zu verhindern, dass die Gewerkschaften der Eisenbahner sich dem Streik der Minenarbeiter anschließen, sollten zahlreiche gewerkschaftsfreie, private Firmen die Kohle transportieren. Sollte es hier zu Problemen kommen, hätte die Armee für den Transport zu sorgen.
  • Einige Kraftwerke wurden vorsorglich auf Öl umgerüstet.
  • Es wurden Gesetze verabschiedet, die „fliegende Streikposten“ verboten. („Fliegende Streikposten“ blockieren Betriebe, deren Arbeiter nicht am Streik beteiligt sind.)
  • Die Polizei wurde angewiesen, gegen Streikende hart vorzugehen.

Thatcher und MacGregor behaupteten damals, es ginge nur um die Schließung von 20 Zechen. In Wahrheit jedoch gab es den Plan, die Gewerkschaften auszuschalten. Wäre der Plan der Öffentlichkeit bekannt gewesen, hätte das für Thatcher zum Problem werden können.

Nach einigen kleineren Streiks rief Scargill, Präsident des NUM, am 12. März 1984 zum Nationalstreik auf. Die Konfrontation war da. In die Geschichte eingegangen ist die „Schlacht von Orgreave„: Etwa 5000 Minenarbeiter wurden von mindestens ebenso vielen Polizisten davon abgehalten, eine Kokerei zu bestreiken. Die Polizei trieb die Menge auf ein nahegelegenes Feld. Als LKWs mit Kohle von dem Betrieb abfuhren, versuchten die Streikenden zur Anlage durchzubrechen. Steine und Flaschen flogen. Die Polizei setzte Schilde ein und mehrmals stürmten berittene Polizisten in die Menge. Es gab viele Verletzte auf beiden Seiten. In den anschließenden Gerichtsverfahren wurde die Polizei von South Yorkshire zu Geldstrafen verurteilt wegen ungerechtfertigten Verhaftungen und übertriebenem Einsatz von Gewalt.

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Schlacht von Orgreave

Ein Jahr lang hatten die Arbeiter ohne Lohn ausgehalten. Jetzt waren die Streikkassen leer und die Not trieb viele wieder zur Arbeit. Am 3. März 1985 wurde das offizielle Ende des Streiks bekannt gegeben. Um die Gewerkschaftsunion nicht zu spalten, hatte die Führung eine Abstimmung einberufen, die sich knapp für Verhandlungen mit den Arbeitgebern entschied. Das war ein gewaltiger Sieg für das National Coal Board und eine herbe Niederlage für Gewerkschaften wie die NUM, von der sie sich nie wieder erholt hat.

MacGregor hatte sein Ziel erreicht: Die Macht der Gewerkschaften war gebrochen. In der Folgezeit wurden immer mehr Minen geschlossen. Von den 173 Minen von 1984 waren 2009 nur noch sechs übrig.


Quellen: BBC, Youtube, Wikipedia

Der TransMilenio von Bogotà

Kolumbiens Hauptstadt Bogotà ist eine Metropole, in der 8 Millionen Menschen leben. Die Stadt wächst rasant: 1950 waren es noch weniger als 1 Million Menschen. Wie in solchen Megastädten üblich, herrschte auf den Straßen ein Verkehrschaos. Nach jahrzehntelangen Diskussionen wurde die Planung für ein U-Bahn-System verworfen. Statt dessen setzte Bogotà auf ein Schnellbussystem, das wie eine U-Bahn funktioniert: Den TransMilenio.

Haltestelle Estación Mundo Aventura mit Gelenkbus und exklusiven Fahrspuren
Haltestelle Estación Mundo Aventura mit Gelenkbus und exklusiven Fahrspuren

Die Busse des TransMilenio haben eigene Fahrspuren und besondere Haltestellen. Wie bei U-Bahnstationen steigen die Fahrgäste auf einer erhöhten Plattform ein und aus. Dabei muss keine Stufe überwunden werden. Beim Umsteigen wechselt man von einer Plattform zur anderen. So lange man die Stationen nicht verlässt, muss nicht erneut bezahlt werden, was die Umsteigezeiten verkürzt. Nur beim Betreten einer Busstation wird mit einer elektronischen Chipkarte bezahlt. Die Stationen verfügen meist über Fahrradstellplätze und werden auch vielfach von kleineren Zubringerbussen angefahren.

Im Gegensatz zur U-Bahn ist ein Schnellbussystem viel günstiger und kann schneller angepasst werden. Die verschiedenen Buslinien ziehen sich sehr gerade durch die Stadt, mit nur wenigen Kurven. Daher war es möglich, auf vielen Strecken Doppelgelenkbusse einzusetzen. Mit der Einführung 2007 erhöhten sich die Fahrgastzahlen für diese Linien von 170 auf 270 Personen.

Doppelgelenkbus
Doppelgelenkbus

Natürlich bleibt auch Kritik nicht aus: Die Busse seien für den Bedarf zu klein und zu wenige. Durch den Dieselantrieb würden sie die Umwelt belasten. Der Fahrpreis ist nicht subventioniert und deshalb insbesondere für ärmere Menschen nicht immer erschwinglich.

Dennoch ist der TransMilenio für sich rasch entwickelnde Städte zum Vorbild geworden, wie z.B. für Santiago de Chile und Mexiko-Stadt. Kein anderes öffentliches Transportsystem scheint die Probleme der Megastädte in ähnlicher Weise zu lösen.

The Daily Show, Last Week Tonight und die heute show

Seit 1999 ist Jon Stewart der Gastgeber der „Daily Show“ im amerikanischen Fernsehen. Die Sendung ist ein satirischer Tagesrückblick im Format einer Late Night Show.

Bei der Daily Show verschwimmen die Grenzen zwischen Comedy, politischem Kabarett und Late Night Show. In einigen Untersuchungen wurde der Daily Show sogar ein höherer Informationsgehalt zugeschrieben als den regulären Nachrichtensendungen.

Medienkritik. Jon Stewart ätzt in seiner Sendung über den Sender Fox News. In einem Interview sagte er, dass Fox News eine politische Organisation in Gestalt eines Nachrichtensenders ist. [Jeder, der Fox News schon einmal gesehen hat, weiß, dass dort aggressive Meinungsmache betrieben wird, bis hin zu direkten Aufrufen wie „in 160 Tagen wählen wir Bush“.]

Die Fox Sendung „the O’Reilly Factor“ ist bei der Daily Show besonders oft Zielscheibe von Spott. Bill O’Reilly diskutiert in seiner Sendung mit einem Gast, der in der Regel eine andere Meinung hat und versucht dabei, diesen zu diskreditieren, was ihm oft genug gelingt. Das hat Jon Stewart jedoch nicht davon abgehalten, selbst als Gast bei O’Reilly aufzutreten.

In einer Talk-Sendung von CNN, Crossfire (Kreuzfeuer), zu der er eingeladen wurde, beschuldigte Stewart die Macher, „schlecht für Amerika“ zu sein, weil sie unfähig sind, die Amerikaner über Politik richtig zu informieren und stattdessen schlechtes Entertainment abliefern würden. Gastgeber Tucker Carlson konterte, wenn Stewart so viel über Journalismus wissen würde, solle er doch Dozent an einer Journalistenschule werden, worauf Stewart antwortete: „Und Sie sollten eine besuchen“. – „Sie sind nicht lustig.“ – „Ich mache mich nicht für Sie zum Affen“. Stewart ging noch weiter und sagte, er wäre als Zuschauer der Sendung genervt von der schlechten Qualität und würde sich wünschen, dass die Sendung eingestellt würde. Alle Gegenargumente der beiden Gastgeber konnte er entkräften und führte die Moderatoren in ihrer eigenen Show vor. Der Imageschaden, den CNN durch diesen Auftritt erlitt, war groß. Die Einschaltquote sank um 10%. Crossfire wurde abgesetzt.

Auch die CNBC Sendung „Mad Money“ bekam während der Finanzkrise 2008 ihr Fett weg: Stewart zeigte Ausschnitte der Sendung, bei der der Gastgeber Jim Cramer sechs Tage vor der Pleite der Investmentbank Bear Sterns noch sagte, dass Erspartes dort „sicher“ sei. Eine Woche lang war Mad Money im Fokus der Daily Show. Cramer trat sogar als Gast bei Jon Stewart auf und musste zugeben, dass seine Sendung nicht genug der journalistischen Pflicht zur Recherche nachgekommen sei. Sie hätte ihren Beitrag dazu leisten müssen, die Betrügereien durch die Akteure der Wall Street aufzudecken.

Spinoffs. Durch den großen Erfolg der Daily Show wurde 2005 der „Colbert Report“ gestartet, eine satirische Abrechnung mit dem O’Reilly Factor.

Seit April 2014 ist der Engländer Jon Oliver mit seiner Show „Last Week Tonight“ gestartet. Als Ausländer hat er den Blick des Außenseiters und ruft auch zu politischen Aktionen auf. So rief er die Zuschauer auf, ihrem Unmut im Streit um die Netzneutralität durch E-Mails an die zuständige Behörde Luft zu machen. Deren Server brach unter dem Ansturm zusammen.

[In der Debatte um die Netzneutralität geht es darum, dass die amerikanischen Netzbetreiber Internetangebote der Konkurrenz mit geringerer Geschwindigkeit übertragen haben. Dadurch wurden Dienste wie Videostreaming unmöglich. Jon Oliver machte in seiner Sendung auf witzige Art deutlich, dass hier zwei Firmen, Comcast und Verizon, den Markt unter sich aufgeteilt haben, und jetzt versuchen, mit Hilfe von Lobbyisten zu verhindern, dass ihr Kartell eingeschränkt wird. ]

Und in Deutschland? Oliver Welke hat seine „heute show“ nach dem Vorbild der Daily Show aufgebaut. Allerdings ist seine Kritik nicht so scharf und bissig wie beim Original. Es werden stattdessen Schimpfwörter und Beleidigungen eingesetzt. Und anders als Jon Stewart ist bei Welke keine politische Agenda zu bemerken, es bleibt bei der Empörung. Schade.

Recycling in der Müllstadt

In Kairo gibt es im Stadtteil Manschiyyet Nasser ein Quartier, welches auch „Müllstadt“ genannt wird. Hier ist ein Slum entstanden, in dem ca. 20.000 Menschen davon leben, den Müll der Stadt einzusammeln und bei sich zu Hause zu recyceln.

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Laut Wikipedia sind diese Zabbalin (Müllmenschen) sehr effizient: Bis zu 85% des Feststoffmülls werden weiterverarbeitet und wieder in den Kreislauf gebracht. Insgesamt gibt es im Großraum von Kairo mehrere Viertel, in denen recycled wird. Es wird geschätzt, dass es 50-70.000 Müllmenschen gibt. Seit einigen Generationen leben ganze Familien von dem Geschäft. Gegen geringe Gebühren wird Müll mit Eseln und kleinen Lastern eingesammelt und ins Viertel transportiert. Das Einsammeln wird überwiegend von Männern, das Sortieren von den Frauen erledigt.

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Die Zabbalin sind koptische Christen. Ihre Religion erlaubt es ihnen, anders als den Muslimen, Schweine halten. Sie verfüttern den gesamten organischen Müll an die Tiere und verkaufen sie, sobald diese alt genug sind.


Quellen: Garbage Dreams (Dokumentarfilm), Wikipedia, Bildersuche

Souvenirs von der Bastille

Die Erstürmung der Bastille gilt als ein wichtiges Ereignis der französischen Revolution. Am Vortag des 14. Juli 1789 kam es zu ersten gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Ordnungsmacht. Die Bürger bewaffneten sich im Invalidenhaus und begaben sich dann zur „kleine Bastion“. Dort verlangten sie die Herausgabe des eingelagerten Schießpulvers. Es kam zu einem Gefecht, bei dem mehr als 90 Menschen starben. Den Bürgern gelang es jedoch im zweiten Anlauf, die Bastille einzunehmen. Das Schießpulver wurde geplündert und die wenigen Gefangenen, die dort einsaßen, befreit.

La prise de la Bastille le 14 juillet 1789. Jean-Baptiste Lallemand. Copyright © © Musée Carnavalet / Roger-Viollet
La prise de la Bastille le 14 juillet 1789. Jean-Baptiste Lallemand.
Copyright  © Musée Carnavalet / Roger-Viollet
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Pierre-François Palloy

So weit bekannt. Dass aber der Tag in die Geschichte einging, ist wohl vor allem dem findigen Bauunternehmer Pierre-François Palloy (1755–1835) zu verdanken. Er wurde mit dem Abriss beauftragt und machte sogleich ein Geschäft daraus: Er ließ seine Arbeiter aus den Abbruchsteinen kleine Modell-Bastilles herstellen. In jedes der 83 Departements schickte der „Patriot Palloy“ eines. Zahlreiche Minister und sogar König Ludwig XVI erhielten ein Exemplar.  George Washington soll ebenfalls beliefert worden sein.

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La révolution, musée Carnavalet, les collections de la Ville de Paris

Aus dem Metall der Eisenketten ließ er Broschen, Münzen, Ohrringe für die Damen und Manschettenknöpfe und Schnupftabaksdosen für die Herren herstellen, immer mit Bastille-Motiv.

Palloy organisierte gegen Gebühr Führungen durch die Bastille und zeigte dabei den legendären Kerker. Nachgemachte Skelette dienten als Requisiten. Es gab sogar Feste und Aufführungen, bei denen die Erstürmung nachgespielt wurde. Mit Reden und eigens gemalten Bildern versuchte Palloy, das Ereignis ideologisch aufzuwerten und als Sieg des Volkes über das alte Regime, das Ancien Regime, darzustellen.

Man sieht: Marketing ist keine Erfindung der heutigen Zeit…


Quellen: Blog, Wikipedia, WDR5 Zeitzeichen

Echnaton in der geheimen Welt

Es gibt Computerspiele, die es schaffen, Interesse für ein Thema zu wecken. „The Secret World“ ist so eines. Wie bei Online-Rollenspielen üblich, erstellt man eine Spielfigur und betritt eine Fantasiewelt. Dort erlebt man Abenteuer, oft gemeinsam mit anderen Spielern.

Die Handlung der „geheimen Welt“ spielt nicht in einer Fantasy- oder Science-Fiction-Welt, sondern in unserer Welt zur jetzigen Zeit. Etwas Böses droht in die Realität einzudringen und der Spieler hat die Aufgabe, dies zu verhindern. Dazu müssen Missionen an verschiedenen Orten auf dem Globus bewältigt werden. Einer dieser Orte ist Ägypten. Dort erfährt man als Spieler, dass der lange verstorbene Pharao Echnaton versucht hat, das Böse in unsere Welt zu bringen, durch seine Verehrung für den Sonnengott Aton.

Statue von Echnaton im Musem von Kairo
Statue von Echnaton im Musem von Kairo

Ausflug in die Geschichte. Der historische Echnaton kam als Amenhotep IV zur Welt, Sohn von Vater Amenophis III und Mutter Teje. Er heiratete Nofretete, Tutanchamun war sein Sohn.

Echnaton hat tatsächlich Aton zum Hauptgott erhoben. Bei diesem Henotheismus (auch Monolatrie genannt) gibt es zwar einen wahren Gott, aber andere Götter werden nicht von vornherein ausgeschlossen wie etwa bei Monotheismus. Die enge Verbindung zu Aton schlägt sich bei Echnaton in seinem Namen wieder: Echnaton, oder Ach-En-Aton bedeutet „der dem Aton dient“. Echnaton diente Aton, indem er für ihn Tempel bauen ließ. Außerdem ordnete er auch den Bau der neuen Hauptstadt Achet-Aton (heute Amarna) an.

Das Motiv für die Religionsreform ist nicht endgültig geklärt. Vielleicht bestanden religiöse Gründe – immerhin hat sein Vater bereits eine große Verehrung zum Sonnengott gezeigt. Vielleicht wollte er die Priesterkaste entmachten. Durch die Umstellung wurden die Pharaonen nämlich wieder zu den Vertretern Gottes auf Erden, die keiner Priester bedurften. Nach dem Tod von Echnaton ging man wieder zu der alten Religionspraktik zurück und seine Reformen wurden abgelehnt und zurückgenommen. Die nachfolgende Dynastie erklärte ihn sogar zum „Feind“.

Und im Spiel? The Secret World greift viele Aspekte aus dem Leben von Echnaton auf. Man betritt die Ruinen von Amarna und begegnet dort Echnatons Vater. Auch seine Geschwister treten auf. Als Spieler muss man für sie und Andere Missionen erledigen.

Screenshot von "the Secret World":
Irgendwo in Armana – Screenshot von „the Secret World“

Eine Besonderheit sind die Rätselmissionen, zu deren Lösung man auf den im Spiel eingebauten Webbrowser angewiesen ist. Bei einer solchen Rätselmission ist nach vielen Vorarbeiten „Das Ritual der Abstammung“ durchzuführen. In der Spielwelt betritt man Tempelruinen und gelangt in einen Raum mit sechs Statuen, daneben jeweils eine Tafel mit Hieroglyphen. Was tun? Im Ritualtext heißt es: „Bete zu meinem alten Namen“.

Wir wissen ja bereits, dass Echnaton früher Amenhotep hieß, aber welche Hieroglyphe ist das? Auf der Wikipedia-Seite steht, dass Pharaonen zur Zeit Echnatons fünf Namen hatten:

Name/Titulatur vor der Umbenennung
(1. Regierungsabschnitt, Jahr 1 bis 5)
Name/Titulatur nach der Umbenennung
(2. Regierungsabschnitt, ab Jahr 6)
Horusname – Diesen Namen erhält der König bei der Thronbesteigung
 horus_amenhotep

Starker Stier, mit hohem Federnpaar

 horus_echnaton

Geliebt von Aton

Nebtiname – Dieser Name verdeutlicht, dass der König über beide Ägypten, das Obere und das Untere, herrscht.
 nebti_amenhotepGroß an Königtum in Karnak  nebti_echnatonGroß an Königtum in Achet-Aton
Goldname – Der goldene Horusname steht vermutlich für die Göttlichkeit des Pharao.
 gold_amenhotepDer die Kronen erhebt in Süd-Heliopolis(Hermonthis)  gold_echnatonDer den Namen des Aton emporhebt
Thronname – Der Name, der bei der Krönung verliehen wurde.
 thron_amenhotepMit vollkommenen Gestalten,
Einziger des Re
 thron_echnatonMit vollkommenen Gestalten, Einziger des Re
Eigenname
 eigenname_amenhotepAmunhotep
Amun ist zufrieden, Gott und Herrscher von Theben
 eigenname_echnatonEchnaton
Der Aton dient / nützlich ist; Strahl / Glanz des Aton

Der „alte Name“ ist also der Name, den Echnaton benutzt hat, als er sich noch Amenhotep nannte. Und tatsächlich: Im Spiel gibt es Tafeln mit Hieroglyphen für den Horusnamen, den Goldnamen und den Eigennamen, vor der Umbenennung und danach. Betet man die Statuen von vor der Umbenennung an, ist das Rätsel gelöst und das Ritual vollendet.

Fazit. The Secret World zeigt, dass man nicht auf Fantasiewelten angewiesen ist: Die Geschichte bietet viel Stoff für moderne Unterhaltung. Wenn nebenbei auch noch das Interesse geweckt wird, etwas mehr zu erfahren, um so besser.


Quellen: WikipediaThe Secret World, Spielerforum, Youtube

Generation Like

Damals. Douglas Rushkoff hatte 2001 einen Dokumentarfilm „The Merchants of Cool“ gedreht, der sich damit beschäftigte, wie Produkte an Teenager vermarktet werden. Damals waren Unternehmen wie MTV (Music Television) führend. Um neue Strömungen aufzuspüren, wurden Trendscouts ausgeschickt, die Schüler beobachten, fotografieren und interviewen und somit schon frühzeitig erkennen sollten, welcher Trend bei Mode und Musik demnächst „angesagt“ sein würde. Diese Information wurde dann an die Industrie weitergegeben, die entsprechende Produkte entwickeln konnte und diese dann wiederum auf MTV bewarb. Rushkoff sprach damals von einer Feedback-Schleife: Den Teenagern wurde das verkauft, was sie selbst als Trend geschaffen hatten.

Heute. In Zeiten von Internet, mit Facebook und Twitter, sieht die Welt der Jugendlichen heute anders aus. In seinem aktuellen Dokumentarfilm „Generation Like“ zeigt Rushkoff Teenager, die sich selbstbewusst im Internet zeigen. Sie pflegen Ihre Profilseiten auf Facebook und geben über Likes darüber Auskunft, welche Interessen sie haben. Trendscouts müssen Teenagern heute nicht mehr vor Schulen auflauern.

Gratismarketing. Mit der neuen Technik und einer neuen Generation von Jugendlichen hat die Industrie neue Wege gefunden, um Produkte zu vermarkten. Anders als zuvor sind die Teenager nicht nur das Ziel von Marketingkampagnen, sondern ein Teil davon. Firmen- und Produktseiten im Internet schaffen Anreize, möglichst viel über das Produkt zu schreiben und Freunde zu informieren. So hat die Webseite zur Buch- und Filmreihe „Die Tribute von Panem“ (englisch: The Hunger Games) eine Rangliste, in The Hunger Games Leaderboardder man als Fan aufsteigen kann, wenn man über sein eigenes soziales Netzwerk möglichst viele Nachrichten über das Franchise weitergibt. Für einige jugendliche Fans, wie die in der Doku gezeigte Ceili Lynch ist das bereits Motivation genug: Sie erreichte einen der vorderen Plätze in der Rangliste. Ceili war sich von Anfang bewusst, dass sie Marketing für ihre Lieblingsfilme macht. Dass sie aber dem Unternehmen auf diese Weise vermutlich Hunderttausende Dollar an Marketingkosten eingespart hat, war ihr jedoch nicht klar.

Das Produkt bist du. Rushkoff zeigt in seiner Dokumentation allerdings auch die Gegenseite: Was ist, wenn man ein bekannter Filmschauspieler ist? Die Anzahl der Likes ist für alle sichtbar und ein Gradmesser für das Interesse der Zuschauer und Fans. Sie stellen bei der Verhandlung der nächsten Gage einen echten Wert dar. Aus diesem Grund müssen die sozialen Netzwerke bedient werden. Längst haben sich Agenturen auf das Marketing in diesen Netzwerken spezialisiert. Zusammen mit dem Schauspieler wird eine Art Drehbuch ausgearbeitet, in dem festgelegt wird, wann und auf welcher Plattform welcher Informationsschnipsel veröffentlicht wird. Je natürlicher und privater es wirkt, um so eher haben die Fans das Gefühl, dem Star nah zu sein. Die Agentur wiederum kann über die Werkzeuge, die in sozialen Netzwerken zur Verfügung stehen, viele Aussagen darüber machen, welche Produkte die Fans mögen. Mit diesen Daten kann sich der Schauspieler bei Unternehmen vorstellen und bringt seine treue Kundschaft gleich mit.


Quelle: PBS Frontline