Der Madoff-Skandal

Das Lipstick-Building. Madoffs Unternehmen belegte drei Etagen.
Das Lipstick-Building in New York. Madoffs Unternehmen belegte drei Etagen.

2008 wurde das bislang größte Schneeballsystem der Geschichte in den USA bekannt: Die Madoff-Affäre. Anleger fürchteten um ihr Geld, insgesamt etwa 68 Milliarden Dollar. Im Juni 2009 wurde Madoff zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt.

Vorgeschichte. Madoff gründete 1960 die Firma Bernard L. Madoff Investment Securities LLC. Das Unternehmen trat als Market-Maker auf, handelte also Aktien direkt an der Börse. Madoffs Schwiegervater, Saul Alpern, führte ihm die ersten Kunden zu, die Ihre Aktienkäufe und -verkäufe über Madoff abwickelten. Durch den frühen Einstieg in die Automatisierung durch Computertechnologie konnte das Unternehmen geringere Transaktionsgebühren verlangen und war damit günstiger als die Konkurrenz.

Madoff hat Aktienhändlern sogar 1 Cent pro Aktie bezahlt, wenn die Transaktionen über seine Firma durchgeführt wurden. Ein lukratives Angebot, so dass das Transaktionsvolumen stetig wuchs. Nach 10 Jahren war Madoff bereits einer der größten Akteure an der Wall Street. Das Computersystem, das die Firma mit entwickelt hat, wurde die Basis für die elektronische Börse NASDAQ. Später stieg Madoff sogar zu deren Vorsitzenden auf.

Neben dem Geschäft des Market-Makings gründete Madoff eine Investment Management-Abteilung. Diese hatte die Aufgabe, sich um den eigenen „Madoff Hedge Fonds“ zu kümmern. Doch statt zu investieren, wurde über die Jahre ein riesiges Schneeballsystem aufgebaut.

Ponzi-Scheme. Ein Schneeballsystem funktioniert so: Von Investoren wird Geld eingesammelt, wobei sehr gute Erträge in Aussicht gestellt werden. Diese sind jedoch frei erfunden und werden nicht wirklich erwirtschaftet. Vielleicht wird das Geld tatsächlich angelegt, aber erreicht keinesfalls die erwarteten Werte. Erträge werden ausgezahlt oder gleich einbehalten und neu „investiert“. Wenn ein Investor seine Gewinne ausbezahlt haben will oder sogar ganz aussteigen will, wird die Summe aus dem Gesamtvolumen entnommen. So lange mehr Geld ein- als ausbezahlt wird, läuft das Schneeballsystem weiter.

Die englischsprachige Welt verwendet statt Schneeballsystem den Begriff „Ponzi-Scheme“, benannt nach Charles Ponzi, der 1920 in New York ein berühmt-berüchtigtes Schneeballsystem aufgebaut hat. Wenn er auch die Idee nicht erfunden hat, ist sein Name doch als Begriff geblieben.

Und bei Madoff? In den 70er Jahren, in denen Madoff sein System anfing, wurden Investoren zwischen 18% und 15% Rendite versprochen. Dabei trat Madoff nie selbst an Investoren heran. Das Geld wurde über andere Gesellschaften zugeführt, den Feeder Funds („Zuliefer-Fonds“). Ein Fonds ist das eingesammelte Geld vieler Investoren. Der Feeder Fund wiederum investiert alles Geld in einem anderen Fonds.

Avellino & Bienes. Zu den ersten Gesellschaften, die einen Feeder Fund betrieben, gehörten Avellino & Bienes. Die beiden ehemaligen Angestellten der Firma von Madoffs Schwiegervater taten sich zusammen, sammelten Kunden und überredeten sie, ihr Geld bei Madoff zu investieren. Für jedes Vermitteln erhielten sie von Madoff eine Gebühr.

Wenn man in den USA Investmentberater tätig ist und mehr als 15 Kunden hat, muss man bei der SEC (US-Börsenaufsichtsbehörde) registriert sein. Avellino & Bienes kamen auf ca. 3200 Kunden. Die ungewöhnlich hohen Zinsen und der Umstand, dass keine Eintragung für die Firma vorlag führte dazu, dass die SEC ein Ermittlungsverfahren einleitete. 1992 mussten Avellino & Bienes ihr Geschäft einstellen. Bienes sagte aus, dass etwa 454 Millionen Dollar bei Madoff investiert war. Das Geld wurde von Madoff Securities zurückgefordert, die Kunden ausbezahlt und der Fall war erledigt. Die SEC forschte nicht weiter bei Madoff nach.

Wie konnte Madoff 454 Millionen zurückbezahlen? Zu dem Zeitpunkt hatte sein System bereits viel potentere Geldgeber gefunden. Die Summe, die er verwaltete, stieg in die Milliarden.

Wie ist der Betrug abgelaufen?

1) Erfundene Transaktionen. Wie alle Fonds erhielten auch die Kunden bei Madoff eine Übersicht darüber, welche Aktienkäufe und -verkäufe durch den Fonds getätigt wurden. Diese Listen wurden immer nur auf Papier ausgewiesen und per Post geschickt, auch im Internet-Zeitalter. Andere Hedge Fonds hatten da schon längst auf E-Mail umgestellt. Die Papierlisten hatten jedoch einen Vorteil: Madoff konnte sie immer einen Tag später erstellen und dann rückdatieren. Wenn eine Aktie an einem Tag stark stieg, konnte man einfach behaupten, am Tag zuvor gekauft zu haben. Ganz so, als wenn man nach dem Ausgang eines Pferderennens einfach behauptet, auf das richtige Pferd gesetzt zu haben.

2) Exklusivität. Madoff trat nie direkt mit Kunden in Kontakt und konnte sich so die Aura des „Börsenmagiers“ aufbauen. Im Prospekt des Feeder Funds durfte der Name Madoff nicht auftauchen. Somit blieb sein eigener Fonds privat und außerhalb jeglicher Aufsicht und Kontrolle. Für Madoff war es außerdem wichtig, dass seine Kunden untereinander nicht wussten, wer bei ihm Geld angelegt hat. Jeder hatte so das Gefühl, einen exklusiven Zugang zu haben.

3) Komplexität. Gefragt, wie er stetig Gewinne an der Börse erwirtschaften konnte, beantwortete Madoff mit der Split Strike Strategy. Keiner der Kunden hat sich je die Mühe gemacht, nachzurechnen, ob damit diese Gewinne möglich waren.
[Split Strike geht so: Man kauft einen Korb von Aktien von einem Index, um das Risiko zu verteilen, und sichert mit Optionen den Wert ab. Eine Option ist die verbindliche Zusage, an einem bestimmten Tag eine Aktie zu einem bestimmten Preis kaufen oder verkaufen zu können. Beispiel: Wenn der Aktienpreis $91 war, verkauft man dazu noch die Option, dass jemand anders in einer Woche die Aktien für $95 kaufen kann. Zusätzlich kauft man die Option ein, die Aktien für $87 verkaufen zu dürfen. Somit liegt der Wert der Aktien garantiert zwischen $87 und $95. Wiederholt man das Vorgehen Woche für Woche, entspricht die Wertsteigerung der des Indexes, minus der Optionen, also der Versicherung.]

4) Langjährige Erfahrung. Madoff konnte immer vorweisen, dass er schon lange mit Aktien handelt, ein alter Hase, der alle Tricks kennt. Man könne nicht so lange im Geschäft sein, wenn alles nur Betrug wäre. Und tatsächlich lief sein Schneeballsystem sehr lange. Das lag unter anderem daran, dass viele Kunden, insbesondere die Stiftungen, das Geld langfristig angelegt hatten.

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Frank DiPascali

5) Fragen unerwünscht. Wann immer einzelne Kunden kritische Fragen stellten, wurden diese abgewiesen. Auch bei scheinbar harmlosen Fragen wie die, ob man die Transaktionen auch elektronisch bekommen könnte. In solchen Fällen gab es einen Anruf von Madoffs Finanzleiter Frank DiPascali, der die Kunden einschüchterte. „Wenn Sie keine Geschäfte mehr mit uns machen wollen, zahlen wir Sie morgen aus und dann sind Sie raus.“ Damit signalisierte er den Kunden, dass man auf Ihr Geld nicht angewiesen war und wer aus dem Fonds aussteigt, vielleicht nicht wieder einsteigen kann (→ Exklusivität). Die Kunden zogen die Fragen zurück. Lieber weiter Geld verdienen als Fragen stellen.

Wirklich nachgerechnet wurde 1999. Harry Markopolos war Portfolio Manager bei Rampart Investment Management. Die Geschäftsführung von Rampart fand heraus, dass ein Kunde, Access International Advisors (AIA Gruppe), in Kontakt zu einem Hedge Fonds Manager war, der beständig Gewinne erwirtschaftete. Dieser Manager war Madoff. AIA stellte Rampart die Daten von Madoff zur Verfügung, und Markopolos wurde beauftragt, ein ebenso gutes Finanzprodukt zu erstellen. Doch nach vier Stunden Rechnen kam Markopolos zu dem Schluß, dass das nicht möglich war, und es sich bei dem Madoff Hedge Fonds um Betrug handeln musste.

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Harry Markopolos

Alle Schlußfolgerungen übergab Markopolos 2001 der SEC, die jedoch nicht handelte. Markopolos setzte seine Untersuchungen fort und übergab 2005 ein weiteres Dokument mit dem Titel „der weltgrößte Hedgefonds ist ein Betrug“. Unter anderem legte er dar, dass Madoff mehr Aktienoptionen gekauft haben musste als überhaupt existierten. Wieder reagierte die SEC nicht. Markopolos ging zur Presse, aber auch zwei viel beachtete Artikel bewirkten nichts.

Kollaps. Das System Madoff brach erst Ende 2008 zusammen, als die Finanzkrise viele Investoren dazu brachte, ihr Geld aus dem Fonds zu nehmen, da sie selbst wiederum ihre Investoren auszahlen mussten. Madoff versuchte, durch die Manager der Feeder Funds neue Investoren zu finden, aber es kam zu wenig zusammen.

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Bernhard „Bernie“ Madoff

Madoffs Söhne Mark und Andrew leiteten derweil das Market-Making Geschäft. Am 10. Dezember 2008 forderte Madoff von ihnen 170 Millionen als Bonus aus dem Firmenvermögen. Die beiden verweigerten die Auszahlung und stellten ihn zur Rede. Madoff gestand ihnen, dass er „erledigt“ wäre: „Es war alles eine einzige große Lüge.“ Die Söhne erstatteten daraufhin Anzeige gegen ihren Vater. Die Verhaftung erfolgte am Tag darauf. Am 29. Juni 2009 wurde Madoff zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt.

Von den 4800 Kunden erhielten immerhin die Hälfte ihr Geld in vollem Umfang zurück, wenn man von der entgangenen Verzinsung und den Steuerzahlungen auf nicht erwirtschaftete Einkünfte absieht. Im Zusammenhang mit der Affäre kam es zu drei Selbstmorden, darunter auch der älteste Sohn, Mark Madoff.


Quellen: The Madoff-Affair, Wikipedia

Ein Gedanke zu „Der Madoff-Skandal

  1. Scheinbar hat Bernard Madoff den Artikel gelesen. Mich erreichte diese E-Mail:
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    Dear Friend,

    I am Bernard Madoff, the founder of Wall Street Firm, Bernard L. Madoff investmentsecurities LLC in 1960 and was the former chairman of NASDAQ. I was accuses of fraud worth over $170 Billion Dollars and was arrested on Dec 11, 2008 and on March 12, 2009, I was convicted of 11 federal crimes and admitted to operating the largest ponzi Scheme in history.(http://money.howstuffworks.com/ponzi-scheme5.htm) Let me not go into much details.

    I have in my possession the sum of Seventy Million Euros (70,000,000.00Euros) in a Bank, which nobody else knows about this except my account officers because the money was deposited under serial codes. I need your help, to get this money out from the bank where its deposited and keep safely for me as I am sure of coming out from jail soon from my appeal. I have lost everything in life and I can’t get close to this fund on my own due to my situation, because the government have confiscated everything that I have. And are still eager to confiscate more if they find out any money or asset linking to me which I do not want it to happen That is why i contacted you to partner with me to get the fund to a safer bank where you can have control over it.

    This is the sharing modalities, 50% goes to charity and 20% will be mapped out for the promotion of gospel, building of churches and mosques all over the world and 25% for you while 4% goes to the bank officials who will help you facilitate the transaction and 1% for my up keeping in the prison. I know that i will die very soon because of my heart attack and kidney cancer, and when I die, my 1% up keep will be added to the charity making it 51%. You need to assure me that I can trust you and you will not capitalize on my problem to divert this fund once it gets to you. I would have prefer if you can visit me in the prison to see me and discuss detail with me but if you cannot, I will do it basically on trust since I have no choice.

    I will be waiting for your reply any moment from now.

    With Kind regards

    Benard Madoff

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