Gewerkschaftskampf in England in den 80er Jahren

Bisher geheime Papiere des englischen Kabinetts von 1984 belegen, dass es einen Angriffsplan der englischen Regierung auf die Minengewerkschaften gegeben hat.

In Großbritannien werden Unterlagen nach 30 Jahren deklassifiziert, d.h. die Geheimhaltung wird aufgehoben und die Unterlagen veröffentlicht. Anfang des Jahres berichtete die BBC, dass einige Papiere belegen, dass es einen Masterplan gab, um die Gewerkschaften zu entmachten und dass der damalige Gewerkschaftsführer Arthur Scargill durchaus Recht hatte, eine Verschwörung zu wittern.

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Protest der National Union of Mineworkers

Was war zuvor passiert? Zur Energiegewinnung wurde in Großbritannien Kohle benutzt. Der Abbau wurde seit 1947 staatlich subventioniert. Das  National Coal Board hatte die Aufsicht über die Kohleindustrie. Da aber Kohle billiger importiert werden konnte, stellten die Subventionen einen großen Kostenfaktor dar. Viele Politiker wollten daher die Kohlesubventionen kürzen oder ganz streichen. Zechen sollten geschlossen werden. Die Gewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM) rief 1974 zur Abstimmung auf und 81% stimmten einem Streik zu, der vermutlich die Energieversorgung von Großbritannien schwer getroffen hätte. (Bereits zuvor gab es 3-Tage-Wochen für die Industrie, um Energie zu sparen.) Bevor es zum Streik kommen sollte, entschloss sich die konservative Regierung unter Führung von Edward Heath zum Befreiungsschlag und kündigte vorgezogenen Neuwahlen an. Seine Partei, die Tories, wurden abgewählt.

Die Gewerkschaften, allen voran die NUM, hatten gezeigt, wie mächtig sie waren. Das prägte sich tief ins Gedächtnis der Politiker ein.

Maraget Thatcher
Margaret Thatcher, 1984

Was war 1984? Im Jahr 1979 wurde Margaret Thatcher Premierministerin. Bereits 1981 kam es beinahe zum Streik, als 23 Zechen geschlossen werden sollten. Die Regierung sah von den Plänen ab, da die Kohlevorräte so gering waren, dass ein Engpass in der Energieversorgung zu befürchten war.

Ian MacGregor
Ian MacGregor im BBC Interview

1983 ernannte Thatcher Ian MacGregor zum Vorsitzenden des National Coal Boards. Wie die neu veröffentlichten Papiere belegen, sollte MacGregor die Macht der Gewerkschaften brechen. Der Schlachtplan dafür sah so aus:

  • Es wurden große Kohlevorräte angelegt, um im Falle eines Streiks weiterhin genug Energie zu haben.
  • Um zu verhindern, dass die Gewerkschaften der Eisenbahner sich dem Streik der Minenarbeiter anschließen, sollten zahlreiche gewerkschaftsfreie, private Firmen die Kohle transportieren. Sollte es hier zu Problemen kommen, hätte die Armee für den Transport zu sorgen.
  • Einige Kraftwerke wurden vorsorglich auf Öl umgerüstet.
  • Es wurden Gesetze verabschiedet, die „fliegende Streikposten“ verboten. („Fliegende Streikposten“ blockieren Betriebe, deren Arbeiter nicht am Streik beteiligt sind.)
  • Die Polizei wurde angewiesen, gegen Streikende hart vorzugehen.

Thatcher und MacGregor behaupteten damals, es ginge nur um die Schließung von 20 Zechen. In Wahrheit jedoch gab es den Plan, die Gewerkschaften auszuschalten. Wäre der Plan der Öffentlichkeit bekannt gewesen, hätte das für Thatcher zum Problem werden können.

Nach einigen kleineren Streiks rief Scargill, Präsident des NUM, am 12. März 1984 zum Nationalstreik auf. Die Konfrontation war da. In die Geschichte eingegangen ist die „Schlacht von Orgreave„: Etwa 5000 Minenarbeiter wurden von mindestens ebenso vielen Polizisten davon abgehalten, eine Kokerei zu bestreiken. Die Polizei trieb die Menge auf ein nahegelegenes Feld. Als LKWs mit Kohle von dem Betrieb abfuhren, versuchten die Streikenden zur Anlage durchzubrechen. Steine und Flaschen flogen. Die Polizei setzte Schilde ein und mehrmals stürmten berittene Polizisten in die Menge. Es gab viele Verletzte auf beiden Seiten. In den anschließenden Gerichtsverfahren wurde die Polizei von South Yorkshire zu Geldstrafen verurteilt wegen ungerechtfertigten Verhaftungen und übertriebenem Einsatz von Gewalt.

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Schlacht von Orgreave

Ein Jahr lang hatten die Arbeiter ohne Lohn ausgehalten. Jetzt waren die Streikkassen leer und die Not trieb viele wieder zur Arbeit. Am 3. März 1985 wurde das offizielle Ende des Streiks bekannt gegeben. Um die Gewerkschaftsunion nicht zu spalten, hatte die Führung eine Abstimmung einberufen, die sich knapp für Verhandlungen mit den Arbeitgebern entschied. Das war ein gewaltiger Sieg für das National Coal Board und eine herbe Niederlage für Gewerkschaften wie die NUM, von der sie sich nie wieder erholt hat.

MacGregor hatte sein Ziel erreicht: Die Macht der Gewerkschaften war gebrochen. In der Folgezeit wurden immer mehr Minen geschlossen. Von den 173 Minen von 1984 waren 2009 nur noch sechs übrig.


Quellen: BBC, Youtube, Wikipedia

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